Liebe Gemeinden, 40 Jahre wandert das Volk Israel durch die Wüste. Als der Weg beginnt, sind sie ein Volk, das sich zurück an die Fleischtöpfe Ägyptens sehnt. Sie folgen mit diesem Gedanken dem ausgetreten Weg  ihrer Sklaverei, die ihre Mütter und Väter zu erdulden hatten und der sie durch Flucht entronnen sind. 40 Jahre nun leben sie in der Wüste und am Ende dieser Zeit sind sie nicht mehr die gleichen Leute. Die Zeit, ihre Erfahrungen haben sie verändert, alte Gewohnheiten sind abgefallen. Es muss etwas neues entstehen und das geschieht auch. Nie habe ich den Hintergrund dieser Geschichte so deutlich vor Augen gehabt, wie in diesen Tagen. Wir flohen zwar nicht in die Wüste, aber Wüste umgibt uns. Es wurde uns eine Zeit der Einsamkeit und des Leidens auferlegt. Ich denke an die, die vereinsamen. An die, die sich aufreiben, weil so viel von ihnen gefordert wird. An die, die trauern ohne Abschied. An die, die vermissen, was ihnen gegen depressive Phasen half. An Jugendliche, denen wichtige Erfahrungen verwehrt sind, die einfach zum Erwachsenwerden gehören. Jede kann eintragen, was ihr das Leben schwer macht. Es ist schwer in der Wüste. Schwer ist es auch, eine Richtung zu bestimmen, die eingeschlagen werden soll, es herrscht Unsicherheit, da brennt der Hunger, Existenzen werden vernichtet. All dies gehört zur Wüste, damals und heute. Ich kann mit den Menschen damals mitfühlen. Sie erfuhren: Der Wüste können wir nicht ausweichen. Diese Erfahrung teilen wir. Eine schwere Zeit müssen wir durchleben, es hilft nichts, sich dagegen aufzulehnen. Aber die Zeit zu vertun, wäre grundfalsch. An der Geschichte des Volkes Israel lerne ich etwas. Sie nutzten die Zeit und gaben sich eine neue Ordnung. Sie veränderten alles und wurden zu einem Volk der Gerechtigkeit und des sozialen Ausgleiches. Als sie in das neue Land kamen, weil die Wüstenzeit hinter ihnen lag, da fühlten sie sich gewappnet. Ja, sie hatten gemeinsam mit- und füreinander gelitten, ja Menschen waren gestorben, die schweren Erfahrungen nahmen sie mit. Aber sie hatten in der Krise gelernt, was für die neue Zeit wichtig ist und was sie ablegen wollten. Ihr Lieben, diesen Prozeß wünsche ich uns auch. Ich träume davon, dass wir eine neue Gesellschaft werden. Wir haben erfahren, wie wichtig Freiheit ist - lasst uns also Freiheit bewahren. Wir erfahren, wie wichtig Zusammenhalt und Gemeinschaft ist - laßt uns als Gemeindegemeinschaft leben. Wir erfahren, wie wichtig Gerechtigkeit und Ausgleich sind, laßt uns jetzt teilen und helfen lernen. Das Volk Israel bekam in der Wüstenzeit seine Gebote - eine Orientierung zum neuen Leben. So fanden sie ihren Weg. Im Vertrauen auf Gott, der sie nie aus dem Blick verlor. Auch wir stehen in Gottes Blick, wir werden von ihm beachtet, von ihm gesehen. Nun müssen wir der Wüstenerfahrung ins Auge sehen, sie erkennen und auch aushalten. Mit Gott, dem wir vertrauen. Richten wir unser Leben doch nach dieser Hilfe aus! Wir werden wohl noch eine Zeit leiden, aber die Veränderung,  die kann schon heute beginnen. Heute lasst uns nach dem neuen Weg suchen. Lasst uns die ersten Schritte tastend wagen in eine Zukunft, die wir jetzt gestalten mit Gottes Hilfe. Er, der das Volk 40 Jahre in der Wüste erhielt, wird auch jetzt für uns da sein.  Ihr Pfarrer Schilling-Schön