1. Kor 14: Paulus schreibt: Bleibt unbeirrt auf dem Weg der Liebe! Strebt nach den Gaben, die der heilige Geist schenkt – vor allem aber danach, prophetisch zu reden. Wer in unbekannten, geistlichen Sprachen spricht, spricht nicht zu den anderen, sondern zu Gott. Denn niemand versteht ihn. Was er unter dem Einfluß des Geistes sagt, bleibt ein Geheimnis. Wer dagegen prophetisch redet, spricht zu den Menschen. Er baut die Gemeinde auf, ermutigt und tröstet sie. Wer in unbekannten Sprachen redet, baut nur sich selber auf. Es sei denn, er übersetzt seine Rede auch. Das ist auch aufbauend. Was wäre, Brüder und Schwestern, wenn ich zu euch komme und in unbekannten Sprache rede? Das ist wie bei der Musik: Nur wenn sich die Töne klar unterscheiden, kann man die Melodie erkennen. Genauso wirkt es auch, wenn ihr in unverständlichen Sprachen redet. Wer soll da das Gesagte verstehen? Ihr werdet in den Wind reden! Wenn ich eine Sprache nicht verstehe, werde ich für den, der sie spricht, ein Fremder sein und er für mich. So ist es auch in der Gemeinde. Ihr strebt nach den Gaben des heiligen Geistes. Dann strebt dabei nach den Gaben, die die Gemeinde aufbauen. Davon könnt ihr nicht genug haben. Amen.

Kaum etwas bewegt uns als Kirche so sehr wie der Wunsch, uns möglichst vielem Menschen verständlich zu machen. Wir wollen sie erreichen, sie sollen sich angesprochen fühlen von Kirche, von Gottesdienst, von uns als Gemeinden. In meinem Bücherschrank gibt es ein Brett voller Bücher mit Titeln wie „Wachsen gegen den Trend“ „Lernen, wo die Menschen sind“ „Kirche vor Ort. Kirche der Zukunft“. Und dazu die unendlich vielen Angebote, Gottesdienste neu, anders, mitreißend zu gestalten. Woran liegt es, wenn jeden Sonntag in den Kirchen Plätze frei bleiben? Die Liturgie ist schuld, sagt man. Oder die alten Lieder. Oder die Kirchensprache, die muss entstaubt werden. Es muss mehr Event sein, mehr ekstatische Momente. Keine Frage, Gottesdienste und jede Lebensäußerung unserer Gemeinde ist alle Sorgfalt und Mühe wert. Wir mühen uns auch sehr – und trotzdem sind auch diese Woche weniger in die Gottesdienste geströmt, als Plätze da sind. Wie kriegen wir die Kirche voll? Falsche Frage. Würde Paulus sagen. Stattdessen: Wie bleiben wir auf dem Weg der Liebe? Wer liebt, der sieht nach außen: Auf die, die er liebt. Eine Frau sieht erst auf ihre Lieben, dann auf sich. Ein Mann sieht erst auf seine Lieben, dann auf sich. Schon ein kleines Kind findet das Glück, die Sicherheit der Familie am allerwichtigsten, findet darin seine Sicherheit. Der Weg der Liebe ist in jedem Menschen angelegt, wie Zugvögel im Kopf die Koordinaten ihrer Heimat tragen, tragen wir die Koordinaten dieses Weges der Liebe im Herzen. Auf dem Weg kann man ans Ziel kommen, man kann sich unterwegs auch mal verirren, sogar verunglücken oder das Ziel verlieren. Aber der Weg bleibt. Bleibt unbeirrt auf dem Weg der Liebe, schreibt Paulus. Damals geht es in den Gottesdiensten wohl etwas durcheinander. Jede bringt ein, was sie an Geistesgaben hat: Erklärung der Tradition, liturgische Musik und auch reden in unbekannten, geistlichen Sprachen sowie prophetisches Reden. Propheten reden klar und konkret und öffentlich direkt zu denen, die es betrifft. Es geht um die Stellung zu Gott und die Stellung zu denen, mit denen wir leben. Klar, konkret und öffentlich direkt zu denen, die es betrifft, das wünscht sich Paulus für Gottesdienste. Und damit beginnen meine Probleme: Öffentlich reden wir hier nur theoretisch, die meisten Leute sind woanders. Und bei genauem Hinsehen redeten die Propheten damals auch nicht im Rahmen von Gottesdiensten, sondern dort, wo gerade viele Menschen waren. Meist taten sie es mit einleuchtenden Gesten, mit Zeichenhandlungen, die tief in ihr persönliches Leben eingriffen. Einige gingen sogar so weit, sich merkwürdig zu verheiraten, um zu zeigen, was Gott meint. Natürlich will ich unbedingt klar und konkret hier reden, aber irgendwie scheue ich mich, das schon prophetisch zu nennen. Es fehlt mir neben der Nähe zu den Betroffenen auch an dem zeichenhaften Tun, mit dem ich bezeuge, was ich sage. Die Alternative Reden in unbekannten, geistlichen Sprachen oder prophetische Rede steht für mich nicht. Zu beidem bin ich nicht in der Lage. Aber es bleibt, was mich nachdenklich macht: Wir sind auf dem Weg der Liebe und sollen da bleiben. Das ist eine mahnende Zusage. Die nehme ich einfach an und versuche, sie zu verinnerlichen. Was diese Liebe ist, das erzählt Paulus vorher mit den allseits bekannten Worten: Nächstenliebe, wie sie Eltern und Kinder verschenken. Großzügig, ohne zu rechnen. Diese Liebe empfangen wir von Gott, nehmen sie auf und lassen sie durch uns weiter ihr Werk tun. Dazu kommt aber die Frage nach unserem Streben. Wir sind bestrebt, möglichst viele Menschen zu erreichen. Damals wollen sie zuallererst den heiligen Geist erreichen und sich von ihm erreichen lassen. Meine Mutter sagte mal: Vielleicht heilen wir heute keine Menschen mehr, weil wir es nicht versuchen. Recht hat sie. Vielleicht wirkt der heilige Geist weniger bei uns, als geplant, weil wir zuerst an ganz andere Dinge denken, wenn wir an die Zukunft unserer Kirche denken, als an die Bitte um seine Gegenwart. Mehr um die Kraft des Geistes beten, weniger rechnen. Die heilige Weisheit erbitten, um glaubwürdig die Gegenwart der göttlichen Liebe zu bezeugen, das ist vielleicht unsere vornehmste Aufgabe. Bleibt für mich noch die Frage nach der Fremdheit unserer Botschaft. Ja, für viele ist befremdend, was unser Herz erfüllt, sie verstehen es nicht und wir können uns schwer verständlich machen. Die Sprachsysteme heute sind noch anders, als zu Zeiten des Paulus. Damals wußten sich alle selbstverständlich mit göttlichem konfrontiert. Sie benannten es nur unterschiedlich. Heute ahnen manche etwas, was über sie hinausgeht und sie bestimmt, bringen es aber nicht mit göttlichem in Verbindung. Es ist die Natur, sagen die einen, die Kräfte der Sterne, sagen die anderen. Für sie klingt die Rede von Gott wie für mich koreanisch. Unentschlüsselbar und irrelevant, weil ich fremde Sprachen äußerst mangelhaft spreche. Aber selbst ich traf Koreaner zu denen ich Zugang fand. Sie setzten ihren ganzen Körper ein, um sich verständlich zu machen, sie nahmen sich die Zeit, die ich brauchte, um zu verstehen. Sie wurden mir zum Beispiel für eine Art, unsere fremdartige Botschaft zu verbreiten. Alles, der ganze Leib Christi in unseren Gemeinden, wird eingesetzt, um verständlich zu machen, was das heißt: Du bist geliebt. Du gehörst dazu. Du bist Gottes Kind. Fühlbar, erlebbar kann man das machen oder man braucht davon kaum zu reden. Sicher, Gott erreicht auch Herzen, obwohl wir so schlechte Dolmetscher sind. Das entbindet uns allerdings nicht davon, mit unserer Existenz, mit allem, was wir als Gemeinde tun, zu zeigen, was wir mit unseren Sätzen von Gottes Liebe meinen. Und um die Kraft des Geistes zu beten, die unser Tun und Reden ermöglicht und so den Leib Christi belebt, unsere Gemeinden und unser Leben zum Zeichen macht. Dann kommen wir vielleicht in die Nähe der Propheten, so, wie Paulus das will. So lasst uns beten: 

Komm, Heiliger Geist, du Wahrheit, die uns frei macht. Du Erneuerung, die uns unruhig macht, Du Mut, der uns zum guten bestärkt, du Liebe, die uns einig macht. Du Freude, die uns großzügig macht. Du Hoffnung, die uns gütig macht. Komm, Heiliger Geist, ergreife uns und leite uns auf dem Weg der Liebe. Amen.